Montag, 27. Juni 2011

VIV-Interview mit Christiane Schönefeld - Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit

Thema: Ausbildungsmarkt / Arbeitsmarkt

11-06 SchoenefeldVIV: Frau Schönefeld, wie ist die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt in NRW?

Christiane Schönefeld: Wir erleben derzeit die ersten Vorboten der Demographiewende auf dem Ausbildungsmarkt. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wird kleiner, das heißt wir zählen weniger Bewerber und mehr Ausbildungsstellen.

Von Oktober bis Mai diesen Jahres haben sich insgesamt 109.387 Bewerberinnen und Bewerber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz bei den Agenturen für Arbeit in NRW gemeldet, das sind fast 4,5 Prozent weniger als im vergangenen Jahr zum gleichen Zeitpunkt.
Auf der anderen Seite haben die Unternehmen und Betriebe im gleichen Zeitraum 86.245 freie Ausbildungsstellen gemeldet – knapp 8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Agenturbezirke Düren und Brühl (u. a. mit den Regionen Jülich und Euskirchen) liegen hier mit einem Plus von 5,6 Prozent bzw. 10,7 Prozent sogar über dem Landesdurchschnitt.
Dennoch können wir keine Entwarnung für den Ausbildungsmarkt geben. In diesem und dem kommenden Jahr ist die erfolgreiche Bewerbung um einen passenden Ausbildungsplatz für die Jugendlichen weiterhin kein Selbstläufer. Trotz aller positiven Tendenzen übersteigt die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen noch immer das betriebliche Angebot. Für die Jugendlichen gilt daher, sich auch über Ausbildungs-Alternativen zu informieren und ihre Suche regional auszudehnen. Die Arbeitgeber hingegen sollten darüber nachdenken, wie sie die Fähigkeiten der Bewerber noch besser erkennen können. Gegebenenfalls müssen auch die Standards der Auswahlverfahren überdacht werden. Wir haben bei unseren Gesprächen mit den Betrieben am „Tag des Ausbildungsplatzes“ aber gesehen, dass die Wirtschaft sich zunehmend auf die veränderte Situation einstellt und unterstützen die Arbeitgeber mit unserer Expertise und unseren Angeboten bei diesen Veränderungsprozessen.

VIV: Welche Veränderungen erwarten Sie in den nächsten fünf Jahren?

Christiane Schönefeld: Nach der Krise 2009 wird in den kommenden Jahren das Thema Fachkräftesicherung in den Mittelpunkt der Arbeitsmarktpolitik rücken.
Die Zahl der Schulabgänger wird in den kommenden 5 Jahren spürbar sinken – nach aktuellen Prognosen um 11.455 auf 185.902 Personen. Bis zum Jahr 2020 müssen wir uns sogar auf einen Rückgang der Schulabgänger um 14,6 Prozent einstellen. Im Kreis Düren könnte die Zahl sogar um 23 Prozent sinken, in Euskirchen um knapp 20. Dieser demographische Wandel wird zumindest 2013 durch den doppelten Abiturjahrgang etwas abgefedert. Wir rechnen mit bis zu 55.000 zusätzlichen Jugendlichen, die die Schule verlassen. Zeitgleich werden viele Menschen in NRW das Rentenalter erreichen. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt wird sich weiter schließen, zugleich wird sich eine neue Schere zwischen Arbeitskräftenachfrage und adäquatem Fachkräfteangebot öffnen. Die Bundesagentur für Arbeit hat hierzu in ihrem viel beachteten Grundsatzpapier „Perspektive 2025“ entsprechende Handlungskriterien und konkrete Maßnahmen erarbeitet.
Dazu gehören z. B. die weitere Erschließung des Erwerbspersonenpotenzials, etwa bei Frauen und Älteren, aber auch ein zielgerichtetes, klar strukturiertes Übergangsmanagement von der Schule in den Beruf, um Schul- und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden.

VIV: Was können wir tun, um das Übergangssystem von der Schule in den Beruf zu verbessern?

Christiane Schönefeld: Der NRW-Ausbildungskonsens hat sich darauf verständigt, den Übergang von der Schule in Beruf und Studium durch schlanke und klare Angebotsstrukturen zu systematisieren und jedem Jugendlichen eine nachhaltige Berufs- und Studienorientierung zu bieten – um Warteschleifen, Ausbildungs- und Studienabbrüche zu vermeiden.
Wir sind in NRW in dieser Hinsicht grundsätzlich gut aufgestellt: Knapp 1000 Berufsberaterinnen und Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit beraten und informieren landesweit Jugendlichen aller Schulformen bei der Ausbildungs- und Studienplatzsuche und begleiten den Berufswahlprozess. Wir bieten jährlich rund 18.000 Sprechstunden an den allgemeinbildenden Schulen an, außerdem gut 22.000 Veranstaltungen der Berufsorientierung, vom Elternabend bis zum Infotag in unseren Berufsinformationszentren. Dazu kommen unsere Programme der vertieften Berufsorientierung, bei denen wir eng mit dem Land und den Kommunen zusammenarbeiten – hierfür hat die Regionaldirektion NRW der BA im vergangenen Jahr etwa 272 Millionen Euro an Finanzmitteln bereitgestellt. Auch die langfristige Begleitung von Schülerinnen und Schüler mit größerem Unterstützungsbedarf, z. B. die zweijährige, individuelle Berufseinstiegsbegleitung oder das Projekt 14plus, das sich insbesondere an Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte richtet, gehören zu unseren Angeboten im Übergangsmanagement. Unser wichtigstes Ziel ist es, den Berufswahlprozess der Schülerinnen und Schüler möglichst früh und nachhaltig zu unterstützen. Ein Jugendlicher, der seine Stärken und Schwächen, seine Interessen und Talente kennt und sich auf dieser Basis für ein Berufsfeld entscheidet, wird seine Ausbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich beenden und zur Fachkräftesicherung beitragen.

VIV: Wie groß wird die Fachkräftelücke in NRW in den nächsten fünf Jahren?

Christiane Schönefeld: Wir müssen uns langfristig definitiv auf spürbare Engpässe einstellen.
Bis 2030 verringert sich die Zahl der Erwerbspersonen zwischen 16 und 60 Jahren in Nordrhein-Westfalen um fast 2 Millionen auf 8,8 Millionen. Schon jetzt gibt es Branchen, in denen die Arbeitskräftenachfrage das Angebot übersteigt: In der Metallverarbeitung, bei den Elektrotechnikern, Rohrinstallateuren, Schlossern, aber auch Krankenschwestern oder examinierten Altenpflegerinnen und Altenpflegern werden dringend Mitarbeiter gesucht. Die beginnende demografische Veränderung auf dem Arbeitsmarkt ist nicht mehr umkehrbar – darüber sollten sich alle im Klaren sein. Aber ihre Auswirkungen können begrenzt werden:
Neben den Potentialen der Zuwanderung liegt die Lösung im Wesentlichen bei den Menschen, die bereits hier sind. Die Stichworte hat die Bundesagentur für Arbeit in der „Perspektive 2025“ gegeben: Dazu gehört z. B. die Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials, etwa die Steigerung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Müttern, die stärkere Beteiligung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die Nutzung des Potenzials älterer Arbeitnehmer oder die bereits erwähnte Systematisierung des erfolgreichen Übergangs von der Schule in den Beruf. Wirken können diese Konzepte allerdings nur, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen. Mütter können nur dann Vollzeit arbeiten, wenn sie entsprechende Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder haben. Ältere können nur dann deutlich länger im Betrieb bleiben, wenn ihr Arbeitsplatz altersangemessen eingerichtet ist. Die Bundesagentur für Arbeit bietet darüber hinaus Beratung und konkrete Unterstützungsangebote für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie die Arbeitgeber an.

VIV: Was bedeutet aus Ihrer Sicht der doppelte Abiturientenjahrgang 2013 für den Ausbildungsmarkt?

Christiane Schönefeld: Nach den Prognosen der Kultusministerkonferenz werden im Jahr 2013 knapp 180.000 Schülerinnen und Schüler in NRW eine Studienberechtigung (Allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife) erwerben. Das werden etwa 55.000 mehr sein, als in den Jahren davor. Erfahrungsgemäß streben nicht alle Studienberechtigten ein Studium an, etwa ein Viertel eines Jahrgangs wählt eine Berufsausbildung. Für den Ausbildungsbeginn in 2013 werden dann voraussichtlich 10.000 – 13.000 Abiturienten mehr eine Ausbildungsstelle in NRW suchen. Für die Arbeitgeber bietet der doppelte Abiturjahrgang eine gute Chance, noch einmal künftige Fachkräfte durch eine Ausbildung an ihren Betrieb zu binden. Auch die Hochschulstandorte stellen sich entsprechend auf und werden mehr Studienplätze anbieten.
In unserer Beratung der ausbildenden Unternehmen thematisieren wir diese Entwicklung und werben aktiv für eine noch stärkere Ausbildungsbeteiligung. Natürlich beraten wir auch die Schülerinnen und Schüler und haben die Abi-Beratung für den Doppeljahrgang personell verstärkt. Insgesamt werden die Chancen auf einen Studienplatz oder auf eine Ausbildungsstelle nicht schlechter sein als in den Jahren davor. Allerdings sollten die Schülerinnen und Schüler sich frühzeitig bei der Berufsberatung melden, sich beraten lassen und rechtzeitig bewerben – viele Unternehmen wählen bereits 12 - 15 Monate vor Ausbildungsbeginn ihre Auszubildenden aus.


Ansprechpartner: Hans-Harald Sowka
Telefon: 02421/4042-0
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