Mittwoch, 22. Juni 2011

VIV-Interview mit Sören Link MdL, schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag

Thema: Schulpolitische Positionen

11-06spd link s ren 0042 kleinVIV: Wir haben Millionen von Analphabeten in Deutschland, nach einer neuen Studie sogar 7,5 Millionen. Die meisten haben angeblich eine Schule besucht. Wie erklären Sie sich dieses Armutszeugnis?

Sören Link: Trotz Schulpflicht leben im Jahr 2011 unter uns 7,5 Millionen Analphabeten. Daraus ergeben sich für mich drei wesentliche Aufgaben:

 

Erst so können rechtzeitig Defizite und Schwächen aufgedeckt werden.

VIV: Was gilt es in der Vorschulzeit besser als in der Vergangenheit zu machen?

Sören Link: Die Übergangsphase zwischen Kindertagesstätte und Schule ist für die angehenden Schulkinder und ihre Eltern eine besondere Zeit. Vorfreude mischt sich mit Unsicherheit, was kommt. Wir wünschen uns auf Dauer einen fließenden Übergang zwischen Kindertagesstätte und Schule, um auf die unterschiedlichen Entwicklungsstände der Kinder richtig reagieren zu können. Dazu kann gehören, dass im ersten und zweiten Schuljahr gemeinsam unterrichtet wird. Wichtig und sehr erfreulich ist, dass wir mit dem Haushalt 2011 den Einstieg in den gebührenfreien Kindergarten geschafft haben – das dritte Kindergartenjahr ist ab dem 01.08.2011 gebührenfrei!

VIV: Die Schüler sollen individueller gefördert werden. Das wollen alle. Doch was heißt das?

Sören Link: Individuelle Förderung heißt für das Kind, dass es seine eigene angemessene Unterstützung im Lernen bekommt. Für die Schule heißt es, dass jedes Kind willkommen ist und zum Schulabschluss geführt wird. Für die Lehrerinnen und Lehrer bedeutet dieses zukünftig, verstärkt auch neue Aspekte der Pädagogik einzusetzen. Das muss im Studium und im Vorbereitungsdienst erlernt und durch Fortbildungsangebote unterstützt werden.

VIV: Sollte in den Schulen Ganztagsunterricht Pflicht werden und was bedeutet dies für die Lehrausstattung und die Finanzierung?

Sören Link: Zukünftig wird es immer mehr Schulen im Ganztag geben. Auf diese Entwicklung werden sich alle Beteiligten einzurichten haben. Das wird auch den Lernort Schule erheblich verändern.
Wir wollen, dass – durch die demografische Entwicklung – freiwerdende Mittel auch weiterhin dem Bildungsbereich zur Verfügung stehen, um diese neuen Herausforderungen organisieren zu können.

VIV: Sechs Jahre gemeinsames Lernen wird teilweise gefordert. In einigen anderen Staaten bringt dies überhaupt nichts, in anderen ist es erfolgreich. Warum sollte es in Deutschland gelingen?

Sören Link: Längeres gemeinsames Lernen bringt insbesondere dort einen qualitativen Vorteil, wo auf eine äußere Differenzierung insgesamt verzichtet wird. Soziale Ungerechtigkeiten durch eine zu frühe Selektion im Schulbereich können so vermieden werden – eine der wesentlichen Hürden im deutschen Schulsystem.

VIV: Die Gymnasien sind in Deutschland am ehesten noch international wettbewerbsfähig. Warum also durch neue Strukturen das Modell Gymnasium gefährden?

Sören Link: Die Behauptung, dass durch die aktuelle Strukturdebatte das Gymnasium bedroht würde, ist fachlich falsch. Vielmehr bietet die von SPD und Grünen angebotene Gemeinschaftsschule ein attraktives Schulangebot vor Ort, das auch mit einer gymnasialen Oberstufe ausgestattet sein kann. Hierdurch können mehr Schüler mit gymnasialen Standards unterrichtet werden als bislang und die Schule bleibt sprichwörtlich „im Dorf“. Ansonsten steht das gesamte Schulsystem vor der Herausforderung, sich stärker um die einzelnen Schüler zu kümmern als bisher und den individuellen Bildungserfolg in den Mittelpunkt zu rücken.

VIV: Wir alle wollen die Wertschätzung für Bildung und deshalb auch für den Lehrerberuf gesteigert wissen. Warum bezahlen wir die Lehrer dann nicht entsprechend?

Sören Link: Im internationalen Vergleich liegen die Lehrergehälter durchschnittlich im oberen Drittel. Wir ha-ben aber im Koalitionsvertrag deutlich gemacht, dass wir eine Kommission einsetzen werden, die sich mit den Fragen der Lehrerarbeitszeit und -besoldung beschäftigen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten aufzeigen soll.


Ansprechpartner: Hans-Harald Sowka
Telefon: 02421/4042-0
Telefax: 02421/4042-25
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!