Mittwoch, 22. Juni 2011

VIV-Interview mit Professor Dr. Thomas Sternberg MdL, schulpolitischer Sprecher der CDU Fraktion im Düsseldorfer Landtag

Thema: Schulpolitische Positionen

11-06Sternberg internetVIV: Wir haben Millionen von Analphabeten in Deutschland, nach einer neuen Studie sogar 7,5 Millionen. Die meisten haben angeblich eine Schule besucht. Wie erklären Sie sich dieses Armutszeugnis?

Prof. Sternberg: Die von Ihnen erwähnten 7,5 Millionen Menschen sind zum größten Teil funktionale Analphabeten, die so ausreichend lesen bzw. schreiben können,

dass sie in unserer Gesellschaft zurechtkommen, bzw. das Lesen und Schreiben im Laufe der Jahre nach ihrem Schulversuch in großen Teilen wieder verlernt haben. Nicht immer hat also auch die Schule versagt. Die meisten von ihnen arbeiten sogar, auch wenn die Berufschancen von Analphabeten insgesamt sicher nicht besser werden. Trotzdem sind diese Zahlen selbstverständlich viel zu hoch und jeder Analphabet ist einer zu viel. Ich halte es deshalb für nötig, die lebenslange Weiterbildung zu stärken. Deshalb engagiere ich mich seit langem für die Initiative Alfa, wo ich in einem Beirat mitwirke.

VIV: Was gilt es in der Vorschulzeit besser als in der Vergangenheit zu machen?

Prof. Sternberg: Die CDU in Nordrhein-Westfalen hat beschlossen, das der Schule vorangestellte Kindergartenjahr zu einem „Begegnungsjahr“ werden zu lassen. Damit sollen Kindergarten und Grundschule besser verzahnt werden. Die Übergänge sollen erleichtert werden und dem Bildungsbedürfnis der Kinder soll entsprochen werden, ohne Reduzierung auf kognitives „schulisches“ Lernen.

VIV: Die Schüler sollen individueller gefördert werden. Das wollen alle. Doch was heißt das?

Prof. Sternberg: Kleinere Lerngruppen in allen Schulformen sind eine Voraussetzung für bessere Lernergebnisse. Die demografische Entwicklung bietet die Möglichkeit, Lehrer und Erzieher so einzusetzen, dass individuelle Förderung erleichtert wird. So werden die unterschiedlichen Bedürfnisse von leistungsstarken wie von leistungsschwachen Schülern beachtet und differenzierte Fördermöglichkeiten angeboten. Die CDU in Nordrhein-Westfalen fordert, die Eingangsklassen kleiner werden und die durchschnittliche Klassengröße gesenkt wird.

VIV: Sollte in den Schulen Ganztagsunterricht Pflicht werden und was bedeutet dies für die Lehrausstattung und die Finanzierung?

Prof. Sternberg: Notwendig ist eine flexible Weiterentwicklung der 2005 eingeleiteten erfolgreichen Offensive zum bedarfsgerechten Ausbau des Ganztags. Erst seit 2005 gibt es außerhalb von Gesamtschulen echte Ganztagsschulen. Neben reinen Ganztagsschulen sollten Schulen ergänzend Ganztagszüge ergänzend zu Halbtagszügen anbieten können. Es soll auch weiterhin das Angebot von Halbtagsschulen geben, damit Eltern eine echte Wahlfreiheit haben.

VIV: Sechs Jahre gemeinsames Lernen wird teilweise gefordert. In einigen anderen Staaten bringt dies überhaupt nichts, in anderen ist es erfolgreich. Warum sollte es in Deutschland gelingen?

Prof. Sternberg: Die vierjährige Grundschule hat sich bewährt. Die CDU hält daran fest. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass gemeinsamer Unterricht dem Unterricht in einem gegliederten Schulwesen überlegen ist. Bundesländer mit Tendenz zu Einheitsschulsystemen stehen im Vergleich nachweislich schlechter da.

VIV: Die Gymnasien sind in Deutschland am ehesten noch international wettbewerbsfähig. Warum also durch neue Strukturen das Modell Gymnasium gefährden?

Prof. Sternberg: Das Gymnasium ist – wie übrigens im gleichen Maße die Realschule – eine leistungsstarke und akzeptierte Schulform, die auch bei zurückgehenden Schülerzahlen erhalten bleiben muss. Ten-denzen, das Gymnasium auf „kaltem Wege“ zur Gesamtschule zu machen und damit letztlich seinen Niedergang herbeizuführen, lehne ich entschieden ab. Eine Schulform mit dem Ziel der Studierfähigkeit muss neben einer mit dem Ziel der Ausbildungsfähigkeit in der Landesverfassung verankert werden.

VIV: Wir alle wollen die Wertschätzung für Bildung und deshalb auch für den Lehrerberuf gesteigert wissen. Warum bezahlen wir die Lehrer dann nicht entsprechend?

Prof. Sternberg: Lehrer verdienen meines Erachtens nicht so schlecht. Wäre der Beruf und die Bezahlung nicht attraktiv, würden wohl auch kaum so viele junge Leute ein Referendariat beginnen wollen; die Nachfrage ist also da. Außerdem sind die Gehälter der 155.000 Lehrer im Land der größte Posten im Landeshaushalt. 12,4 Milliarden Euro kosten die Lehrergehälter jährlich – das sind fast 60 Prozent der Personalausgaben des Landes. Eine Angleichung der Gehälter zwischen Grund- und Hauptschullehrern und Gymnasiallehrern wird sich durch die von uns eingeführte Angleichung der Ausbildungsvoraussetzungen ergeben.


Ansprechpartner: Hans-Harald Sowka
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